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"Taking the core out of emo", habe ich damals aufgeregt geschrien, als ich das erste mal Holly Mays Debüt-EP "Where Are The Brilliant Ballerinas" hörte. Schlicht weggeblasen war ich von der kristallkühlen, verdammt klaren Schönheit der fünf Tracks der vier Wienerinnen, und vor allem von der Selbstverständlichkeit, mit der hier ein sattsam durch Jungsbands aufgearbeitetes Phänomen wie Emo Core so locker abgebürstet und durch eine ganz eigene Interpretation ersetzt wird, wie so was eigentlich noch aussehen könnte. Darauf hatte (wohl nicht nur ich) gewartet und war begeistert, mir damit um den State of female Gitarren-Indie keine Sorgen mehr machen zu müssen.
Der Nachfolger zur EP, der ungeduldig erwartete Longplayer "Time Ticks By And There You Are", der nicht wie die EP im schwedischen Umeå, sondern im heimischen Wien analog aufgenommen wurde, führt die Tendenz des ersten Releases noch deutlicher aus irgendwelchen Schubladen heraus: die Vergangenheit von Tanja Frinta (Gitarre, Gesang) und Lisa Wawrusch (Bass) bei der Hardcore-Band Whymandrakes ist in den 10 auf fast ätherische Weise gelassenen Songs musikalisch nicht mehr zu spüren und es gibt keinerlei verzagte Berührungsängste mit preisgegebener Emotionalität, die zerbrechlich wirken könnte, wenn sie nicht so selbstverständlich zum Thema der Songs gemacht würde. Die mittlerweile zum Trio verkleinerte Band, die durch Sushila Mesquita am Schlagzeug komplettiert wird, baut völlig stringent ihren ganz eigenen Popentwurf aus hauchzarten bis fordernden Vocals, treibenden oder verspielten Gitarrentunes, einem tighten bis melancholischen Rhythmus, Bonusinstrumenten wie melodischen Keyboards und nun auch erstmals üppigen Arrangements. Besonders die Stücke, die durch Streicher und Bläser angereichert wurden, strahlen eine fast hypnotische Zartheit aus, die durch Tanjas so besondere Stimme, die fragil bis fordernd, aber immer glasklar klingt, perfekt eingerahmt wird. Die enigmatischen englischen Lyrics, die Tanja assoziativ textet, ohne sich auf vorgegebene Bedeutungen festnageln zu lassen, intensivieren die fast märchenhafte Aura, die die Lieder wie eine milchige Glasglocke umgibt. Da sind dann Vorstöße zu den Feenwäldern von Heliums Mary Timony nicht weit, oder zu den herzzerissenen Szenarien einer Cat Power, und auch Parallelen zur mädchenhaft spröden Stimme Suzanne Vegas wurden schon gezeichnet. Wie gut für Holly May, dass das alle hübsche Wegweiser für FreundInnen ausgetretener Pfade sind, die um ihr eigenes Projekt drumherumweisen und das Beste verpassen lassen.

Eines der größten Achievements von Holly May ist es letztendlich, wunderschön melancholische Musik mit traurigen Gitarren, verloren klingenden Pianos und sehnsüchtigem Gesang zu schaffen, ohne dabei je in Schwermuts-Klischees zu erstarren - wie so viele ihrer männlichen Kollegen, die ähnliche Ansätze verfolgen. Holly Mays Musik geht ganz tief runter und ist dabei leicht wie eine Feder. So muss wohl das Leben, unter Glas betrachtet, klingen. Dass sie dabei mit ihrem Wirken auf den Ausschluss von Frauen aus der aktiven Produktion von Popkultur aufmerksam machen wollen und dabei Reflektiertheit und Willen zum Statement beweisen, macht das ganze Projekt umso spannender. Holly May - the band you always wished for but never knew existed.

Sonja Eismann

(Sonja Eismann ist Redakteurin bei intro)

 

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Fotos von Sabine Schwaighofer

 

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